Quelle: 4. Auflage der Schweizer Lebendspenderbroschüre (2015).

Kapitel 7. Medizinische Abklärungen der Lebendnierenspender

Mögliche Lebendnierenspender werden vor einer allfälligen Spende ausführlich medizinisch voruntersucht. Diese Abklärungen verfolgen fünf Hauptziele, wobei die Sicherheit des Spenders erste Priorität hat.

7.1 Abklärung der unmittelbaren Risiken für den Spender

Die operativen Risiken der Nierenspende lassen sich in chirurgische Risiken und Risiken durch die Narkose (Anästhesie) unterteilen. Letztere sind vor allem mit Vorerkrankungen von Herz und/oder Lunge verbunden. Um ernste medizinische Probleme mit diesen Organen auszuschliessen, werden eine detaillierte Anamnese und klinische Untersuchungen durchgeführt wie Röntgenuntersuchung, Echokardiografie (Ultraschall des Herzens) sowie eine Herzstromkurve (EKG). Fallen bei diesen Untersuchungen Besonderheiten auf, werden allfällige weitergehende Abklärungen mit dem Spender besprochen. In der Regel werden jedoch mögliche Spender mit vorbestehenden ernsten Problemen des kardiovaskulären Systems nicht zur Spende zugelassen.

Allgemeine Risiken von chirurgischen Eingriffen sind Wundinfektionen und Blutungen. Unerwartete Blutungen sind oft mit anatomischen Besonderheiten der Niere verbunden. Deshalb wird eine Magnetresonanz-Tomografie oder eine Computertomografie (CT) durchgeführt, um die exakte Anatomie beider Nieren, ihrer Gefässversorgung und der Harnwege zu beurteilen.

 

7.2 Abklärung des langzeitig kardiovaskulären Risikos nach Nierenspende

Das langfristige medizinische Hauptrisiko nach einer Nierenspende ist die Entwicklung von Bluthochdruck (Hypertonie). Die Abklärung des Blutdrucks vor Spende ist deshalb äusserst wichtig. Der verantwortliche Arzt verlangt häufig eine 24-h-Blutdruckmessung, um so viele Informationen wie möglich zu erhalten (siehe Kapitel 3). Folgende Punkte werden beurteilt:

  • Bluthochdruck an sich ist kein Ausschlusskriterium, eine Niere zu spenden, jedoch muss der Blutdruck des Spenders nach Spende regelmässig kontrolliert werden und die Werte müssen unter 135/85 mmHg liegen.

  • Ausgeprägtes Übergewicht stellt ein medizinisches und chirurgisches Risiko für die Spende dar und erfordert besondere Beachtung während der Abklärung

  • Eine Person mit Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) kann in der Regel kein Organ spenden.

 

7.2. Verhinderung einer Übertragung von Erkrankungen vom Spender auf den Empfänger via Transplantat

Ein weiteres wichtiges Ziel der Vorabklärungen ist die Verhinderung einer Übertragung von Erkrankungen vom Spender auf den Empfänger via Transplantat. Das betrifft Infektionskrankheiten einerseits und Tumorer krankungen andererseits.

Bei den Infektionskrankheiten liegt das Schwergewicht auf der Diagnose von chronischen Infektionen, die unter Umständen bis zum Zeitpunkt dieser Abklärungen noch ohne Symptome geblieben sind. Im Blut wird nach Zeichen einer Hepatitis B-, Hepatitis C oder HIV-Viruserkrankung gesucht, im Weiteren nach Hinweisen für Herpesvirusinfektionen (zum Beispiel Zytomegalie oder Epstein-Barr-Virus). Mit Anamnese, Bruströntgenbild und Bluttests wird zudem nach Hinweisen für eine Tuberkulose gesucht. Weitere Abklärungen richten sich nach den Besonderheiten jedes individuellen Spenders, seiner klinischen Anamnese, seinen Imp- fungen und seiner Reiseanamnese. Einige Infektionen können Grund für eine Behandlung des Spenders sein oder deren Ausschluss zur Spende bedeuten.

Um Tumorerkrankungen auszuschliessen, wird ein Screening für die häufigsten Krebserkrankungen in der Allgemeinbevölkerung durchgeführt. Dieses Screening (Testverfahren) umfasst folgende Abklärungen:

  • Bruströntgenbild

  • Bauchultraschall

  • Dickdarmspiegelung bei Spendern über 50 Jahre – Blutuntersuchungen

  • Ganzkörperuntersuchung der Haut

  • Urologische Untersuchung

  • Gynäkologische Untersuchung

 

7.4 Abklärungen der immunologischen Kompatibilität zwischen Spender und Empfänger

Eine der wichtigsten medizinischen Abklärungen ist die Überprüfung der immunologischen Kompatibilität (Verträglichkeit) zwischen Spender und Empfänger. Dies beinhaltet die Bestimmung der Blutgruppe (AB0-Blutgruppensystem) und Gewebetypisierung (HLA-System). Der Rhesusfaktor muss dabei nicht berücksichtigt werden.

Abbildung 2: Blutgruppen und Nierenspende. Beim Menschen sind vier Blutgruppen bekannt: A, B, AB und 0. Die Kompatibilität der Blutgruppen für die Transplantation und die Transfusionen sind in Abbildung 2 dargestellt. Dieses Schema zeigt, dass Spender mit Blutgruppe 0 universelle Spender und Empfänger mit Blutgruppe AB universelle Empfänger sind (Abbildung 2).

Abbildung 2: Blutgruppen und Nierenspende. Beim Menschen sind vier Blutgruppen bekannt: A, B, AB und 0. Die Kompatibilität der Blutgruppen für die Transplantation und die Transfusionen sind in Abbildung 2 dargestellt. Dieses Schema zeigt, dass Spender mit Blutgruppe 0 universelle Spender und Empfänger mit Blutgruppe AB universelle Empfänger sind (Abbildung 2).

Heute kann eine Lebendnierenspende auch bei Blutgruppeninkompatibilität (Blutgruppenunverträglichkeit) durchgeführt werden, wenn kein geeigneter kompatibler Spender vorhanden ist. Jedoch bedürfen solche Transplantationen einer speziellen Vorbereitung. Sollte dies bei Ihnen der Fall sein, so wird das Vorgehen im Detail im entsprechenden Trans- plantationszentrum erklärt.

Betreffend HLA-System: Bei jedem Spender und Empfänger wird eine Gewebetypisierung für die Identifizierung der HLA (Human Leukocyte Antigens) durchgeführt. Im Blut des Empfängers wird untersucht, ob Antikörper gegen spenderspezifische HLA vorliegen. Damit kann das Transplantationszentrum abklären, ob für die Transplantation ein im- munologisches Risiko besteht. Es hilft ausserdem, die entsprechende immunsuppressive Therapie festzulegen.

Für die kompletten medizinischen Abklärungen eines möglichen Spenders ist ein Check-up notwendig, welcher ambulant oder in einem kurzen Spitalaufenthalt in einem Zentrum durchgeführt werden kann. Dies ist erforderlich, da erst nach diesen Abklärungen das potenzielle Risiko für den Spender bestimmt werden kann. Trotzdem kann das Transplantationszentrum keine Garantie geben, dass keine Komplikationen auftreten werden, und daher müssen gewisse Restrisiken vom Spender und vom Empfänger akzeptiert werden.

Aufgrund der oben genannten Evaluation ist es möglich, dass das Trans- plantationszentrum einen Spender wegen medizinischer Risiken ableh- nen muss, selbst dann, wenn der Spender trotz dieser Risiken spenden möchte. Eine Ablehnung erfolgt immer im Sinne der Sicherheit und zum Vorteil des Spenders oder des Empfängers.

 

7.5 Psychosoziale Abklärungen

Eine Lebendnierenspende hat nicht nur physische Auswirkungen für den Spender, sondern hat auch Einfluss auf seine psychosoziale Situation.

In der Schweiz wird eine psychosoziale Abklärung vor einer Lebendnierenspende gesetzlich verlangt. Dabei muss festgestellt werden, ob der Lebendnierenspender die Risiken einer Spende geistig nachvollziehen kann, ob der Wille des Spenders zur Spende freiwillig ist und ob der Entscheid für die Spende auf einer genügenden Information basiert. Ziel ist es, dass der Spender keine substanziellen physischen und psychischen Nachteile durch die Spende erleidet. Die psychosoziale Abklärung wird durch eine entsprechende Fachperson geführt (Psychiater oder Psychologe).

Im Rahmen der Abklärung können mehrere Gespräche notwendig werden. In Einzelfällen und mit Einwilligung des potenziellen Spenders kann auch eine Drittmeinung eingeholt werden (Angehörige oder Hausarzt). Die psychosoziale Abklärung beinhaltet folgende Punkte:

  • Motivation zur Lebendnierenspende

  • Beziehung zum Empfänger

  • Psychosoziale Vorgeschichte

  • Prozess der Entscheidungsfindung

  • Umgang mit psychosozialen Stresssituationen, auch in der Vorgeschichte

  • Aktuelle Lebensumstände

 

Die psychosoziale Evaluation gibt auch die Möglichkeit, eigene Bedenken oder Konflikte anzubringen, damit für alle involvierten Personen die beste Lösung gefunden werden kann. In praktisch allen Fällen konnte bisher eine gemeinsame, einvernehmliche Regelung gefunden werden.

Sind Spender oder Empfänger mit dem Resultat der psychosozialen Abklärung nicht einverstanden, besteht die Möglichkeit, eine Zweitmeinung in einem anderen Transplantationszentrum der Schweiz einzuholen.