Quelle: 4. Auflage der Schweizer Lebendspenderbroschüre (2015).

Kapitel 3. Risiken der Lebendnierenspende

3.1 Nierenentnahme

Verständlicherweise machen sich Spender und ihre Angehörigen Sorgen über mögliche Komplikationen bei einer Nierenspende. Diese Bedenken und Ängste sind normale Reaktionen vor grossen Operationen. Potenzielle Spender sollten ihre Bedenken und Sorgen offen ansprechen und diese mit ihrem Transplantationsteam besprechen. Vor der Nierenspende erfolgt immer eine sorgfältige medizinische Abklärung sowie Planung des chirurgischen Eingriffs, um mögliche Komplikationen und Risiken für den Spender zu minimieren.

 

Wie lange dauert die Genesung und wann kann der Spender wieder seinen normalen Aktivitäten nach Spende nachgehen?

Die Dauer des Spitalaufenthaltes variiert entsprechend der individuellen Erholungszeit eines Spenders und entsprechend der Operationstechnik (traditionelle versus laparoskopische Nierenentnahme). Sie beträgt in der Regel ca. eine Woche.

Nach dem Spitalaufenthalt verspürt der Spender typischerweise noch eine gewisse Spannung, Schmerzen und zeitweise Juckreiz im Rahmen des Heilungsprozesses der Wunde. In der Regel wird empfohlen, während sechs Wochen nach der Operation keine schweren Lasten zu tragen und auf anstrengende körperliche Betätigungen zu verzichten. Es dauert in der Regel 4-6 Wochen, bis der Spender wieder seine Arbeit aufnehmen kann. Bei Spendern, die eine schwere körperliche Arbeit verrichten, kann die Dauer bis zur Wiederaufnahme der Arbeit mehr Zeit in Anspruch nehmen.

 

Komplikationen nach Nierenentnahme

Trotz sorgfältiger präoperativer Abklärungen und verbesserter chirurgischer Technik bestehen während und nach der Operation gewisse Risiken.

 

Mortalität (Sterberisiko)

Die Mortalität innerhalb der ersten drei Monate nach Nierenspende be trägt gemäss internationalen Beobachtungen ca. 0,02-0,04% (1 Todesfall auf 3000 Nierenspenden). Seit Beginn der Lebendnierenspende in der Schweiz im Jahr 1966 ist glücklicherweise noch kein Spender durch eine unmittelbare Komplikation der Operation verstorben.

 

Morbidität (Erkrankungsrisiko)

Lebendnierenspender befinden sich vor der Operation in der Regel in einem ausgezeichneten Gesundheitszustand. Daher sind die medizinischen Risiken primär durch die Operation und Nephrektomie (Nierenentnahme) selbst bedingt. Die meisten Komplikationen, die durch die Operation auftreten, sind leichter Natur und führen, wenn überhaupt, meist nur zu einem verlängerten Spitalaufenthalt. Ältere Spender über 60 Jahre haben ein ca. 28% höheres Risiko für postoperative Komplikationen und benötigen im Vergleich zu jüngeren Spendern meist eine längere Erholungszeit.

 

Nachfolgende leichte Komplikationen können nach dem operativen Eingriff auftreten.

Schmerzen

Schmerzen nach Lebendnierenspende treten sehr häufig auf, vergleichbar mit Schmerzen bei sonstigen abdominellen (am Bauch) Eingriffen. Daten des Schweizerischen Lebendspender-Gesundheitsregisters zeigen, dass die Mehrheit der Spender nur leichte Beschwerden oder geringe Schmerzen nach dem operativen Eingriff haben. Zirka 10% der Spender geben starke Schmerzen nach Spende an und ca. 2% sehr starke. Daher ist es sehr wichtig, dass die Spender nach Spende eine entsprechende und ausreichende Schmerztherapie erhalten. Auch nach der Entlassung benötigen die Spender in der Regel noch für eine gewisse Zeit Schmerzmittel.

 

Infektionen

Infektionen können den Heilungsprozess verzögern oder führen zu gewissen postoperativen Problemen. Daher ist es wichtig, Infektionen frühzeitig zu erkennen und wenn nötig antibiotisch zu behandeln. Bei ca. 5% der Spender tritt eine Infektion nach Nierenspende auf. Die meisten dieser Infektionen zeigen sich in der Regel in den ersten Tagen nach

Spende während des Spitalaufenthalts. Die am häufigsten, wenn auch mit niedriger Prozentzahl, beobachteten Infektionen sind Harnwegsinfekte (2,5%), Wundinfektionen (1%) und Lungenentzündungen (0,6%).

 

Weitere leichte Komplikationen

Eine spezielle Komplikation der laparoskopischen Nephrektomie sind Blähungen nach der Operation. Diese entstehen, weil der Bauch während der Operation mit CO2-Gas (Carbon Dioxide) aufgeblasen wird, damit der Operateur genug Raum und Sicht für den laparoskopischen Eingriff hat. Das CO2 wird im Blut aufgenommen und während 24 bis 48 Stunden teilweise über den Atem abgegeben. Eine weitere Komplikation des Eingriffs ist die Irritation der Gedärme, wobei die normale Darmaktivität beeinträchtigt werden kann. Beide erwähnten Phänomene erklären die häufig postoperativ auftretenden Bauchbeschwerden.

 

Re-Hospitalisation

Zirka 2% der Spender suchen nach der Entlassung aufgrund von verschiedenen postoperativen Problemen erneut einen Arzt auf.

Nachfolgende schwere chirurgische Komplikationen treten bei ca. 1,7% der Spender auf.

Gemäss Daten des Schweizerischen Lebendspender-Gesundheitsregisters SOL-DHR wurden bei Lebendspendern folgende schwere Komplikationen nach Nephrektomie beobachtet:

  • Schwere Blutungen mit Bluttransfusionen bei 0,8% der Spender

  • Verletzung der Lymphgefässe, die bei 0,38% der Spender zur Ansammlung von Lymphflüssigkeit (Lymphocele) führten

  • Auftreten von Luft zwischen Lunge und Brustwand (Pneumothorax) bei 0,25% der Spender

  • Thrombose und Lungenembolien bei 0,24% der Spender

  • Verletzung des Darms bei 0,18% der Spender

Das Risiko für eine Re-Operation aufgrund von chirurgischen Komplikationen beträgt 0,5%.

 

Chirurgische Langzeitkomplikationen nach Nephrektomie

Die Mehrzahl der Spender haben nach dem chirurgischen Eingriff auch längerfristig keine Komplikationen.

Bei 1,4% der Spender bleiben die Beschwerden nach der Operation bestehen oder treten im Verlauf neu auf.

Dabei kann es sich aufgrund von Nervenschädigungen um chronische Schmerzen, Auftreten von Hernien (Bruch) sowie abdominellen (im Bauch) Verwachsungen, die zu Darmproblemen führen können, handeln.

 

3.2 Langzeitkomplikationen

Bluthochdruck, Eiweissausscheidung und Lebenserwartung Das Hauptrisiko nach einer Nierenspende ist die Entwicklung von Blut hochdruck (arterielle Hypertonie).

Die Daten des Schweizerischen Lebendspender-Gesundheitsregisters SOL-DHR zeigen, dass 30% der 60-jährigen Spender 5 bis 10 Jahre nach Nierenspende einen Bluthochdruck (arterielle Hypertonie) entwickelt haben. Diese Häufigkeit unterscheidet sich aber nicht signifikant (wesentlich) von der Schweizer Normalbevölkerung. Wenn man aber diese Häufigkeit mit der Häufigkeit des Bluthochdrucks der Spender vor Spende vergleicht, liegt sie etwas höher. Dies bedeutet, dass nach Lebendnierenspende zwar ein grösseres Risiko für eine Hypertonie (Bluthochdruck) besteht, diese aber nicht höher ist als bei der Schweizer Normalbevölkerung.

Nach Nierenspende kann es zu einer erhöhten Eiweissausscheidung im Urin kommen, die Proteinurie genannt wird. Das am häufigsten ausgeschiedene Protein ist das Albumin, die sogenannte Albuminurie. Die Daten des Schweizer Lebendspender-Gesundheitsregisters SOL-DHR zeigen bei 7,3% der Spender 10 Jahre nach Spende eine Albuminurie. Obwohl sich dies nicht negativ für Nierenspender auswirkt, zeigen einige Studien, dass Patienten mit erhöhter Albuminausscheidung ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Probleme (Probleme mit Herz und Gefässen) haben. Das Schweizerische Lebendspender-Gesundheitsregister hat ebenfalls die kardiovaskulären Risiken mit Fokus auf die arterielle Hypertonie untersucht. Die daraus resultierenden Daten zeigen, dass die Spenderverglichen mit der Normalbevölkerung – kein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko haben. Es gibt ebenfalls keine Hinweise, dass die Lebenserwartung nach Lebendnierenspende niedriger ist.

 

3.3 Psychosoziale Situation nach Nierenspende

Im Zusammenhang mit den Nachkontrollen erhalten die Spender vom Lebendspender-Gesundheitsregister SOL-DHR ein Jahr, danach alle fünf Jahre, nach Spende Fragebögen zu ihrem Gesundheitszustand.

Auf Basis dieser Fragebögen machen die Spender zu ihrem Gesund heitszustand folgende Angaben:

 

Allgemeiner Gesundheitszustand der Nierenspender nach Spende

Die meisten Spender (92%) erreichen ein Jahr nach Nierenspende nahezu den gleichen Gesundheitszustand wie vor Spende und bezeichnen ihn als gut bis ausgezeichnet. Dies wird auch noch viele Jahre nach Spende berichtet und ist unabhängig vom Alter und Geschlecht der Spender. 5,6% der Spender fühlen sich ein Jahr nach Spende weniger gut und 1,4% fühlen sich schlecht. 1% der Spender haben keine Angaben zum Gesundheitszustand gemacht.

 

Fitness nach Spende

Die Nierenspender benötigen im Durchschnitt 3-4 Monate, bis sie sich wieder vollständig von der Spende erholt haben. 89% der Spender fühlen sich ein Jahr nach Spende wieder so fit wie vor der Spende und 7% benötigen mehr Zeit für ihre Genesung aufgrund von Müdigkeit, Schmerzen oder anderen Problemen. 4% der Spender haben bei dieser Frage keine Angaben gemacht.

 

Müdigkeit nach Spende

8,5% der Spender fühlen sich ein Jahr nach Spende schneller müde, brauchen mehr Erholung und Ruhepausen und sind in ihrer Leistungsfähigkeit (Vitalität) eingeschränkt. Dies betrifft Männer wie Frauen und junge wie ältere Spender gleich stark. Manche Spender geben nur eine leichte Müdigkeit an und fühlen sich in ihrer Fitness dadurch nicht beeinträchtigt. Sie empfinden ihre Müdigkeit auch nicht als Nachteil der Spende. Bei den meisten Spendern besteht die Müdigkeit fünf Jahre nach Spende nicht mehr und nimmt auch im Laufe der Jahre weiter ab. Die Ursache für die Müdigkeit wurde bisher noch nicht gefunden.

 

Berufswechsel nach Spende

Ein Berufswechsel nach Lebendspende ist sehr selten. In den letzten 20 Jahren gab es in der Schweiz gemäss den Angaben des Schweizer Lebendspender-Gesundheitsregisters SOL-DHR bisher zwei Spender (0,3%), die ihren Beruf wegen Schmerzen nicht mehr ausführen konnten und sich beruflich umorientiert haben.

 

Arbeitsunfähigkeit

Auch eine vollständige Arbeitsunfähigkeit wegen Nierenspende ist selten (0,3%). Der grösste Teil der Spender (98%) nimmt keine Einschränkung bezüglich seiner Arbeitstätigkeit wahr und ist nach Spende wieder voll arbeitsfähig. Ein Prozent der Spender fühlt sich jedoch eingeschränkt arbeitsfähig und gibt als Grund Müdigkeit, Schmerzen oder psychische Probleme an.

 

«Gibt es ein Jahr nach Spende Nachteile durch die Spende?»

Die Spender beantworteten die Frage wie folgt:

  • 71,4% der Spender berichten, dass bei ihnen keine Nachteile aufgetreten seien.

  • 6,2% der Spender machen zu dieser Frage keine Angaben.

  • 22,4% geben nachfolgende Probleme an:

- Müdigkeit 6,8%

- Schmerzen 4,2%

- Narbenprobleme 2,7%

- Bauchprobleme 1,3%

- andere Probleme 4,7%

- finanzielle Probleme 1,7%

- psychische Probleme 1%

 

Beziehung zum Empfänger

Die Mehrheit der Spender empfindet nach Spende keine Veränderung in der Beziehung zum Empfänger. Bei 20% der Spender hat sich die Beziehung nach Spende verbessert, bei 2% hat sie sich verschlechtert.

 

Spendenbereitschaft

Die meisten Spender (über 94%) würden sich wieder für eine Nierenspende entscheiden, wenn das möglich wäre und sie noch zwei Nieren hätten. Viele Spender schreiben, dass es für sie eine Freude war, einem kranken Menschen helfen zu können. Diese Meinung ändert sich auch viele Jahre nach Spende nicht. Es gibt aber auch einen geringen Teil der Spender (3,5%), der nicht mehr spenden würde. Die Gründe hierfür sind gesundheitliche Probleme beim Empfänger, aber auch Probleme beim Spender.