Bericht eines spendenden Vaters an seinen Sohn

Erfahrungsbericht 2

 

Wieso gerade er?

„Wieso gerade er? Wieso muss es gerade Matthias, unseren Sohn treffen? Wieso er?“ Ich weine und schreie meine Verzweiflung und meine Wut in das Kissen. Ich hadere mit dem Schicksal! Ich bin wütend, verzweifelt, traurig!

So beginnt meine Geschichte, die mit der erfolgreichen Nierentransplantation vom 11. September 2014 ein wunderbares Ende nimmt.

Dazwischen liegen viele Stationen, von denen ich hier gerne erzähle. Zum einen, weil ich allen Menschen, die sich mit einer Transplantation herumschlagen, Mut machen möchte. Zum andern, weil es eine solch wunderbare Geschichte ist in meinem Leben, dass ich sie gerne niederschreibe, um mich immer wieder daran zu erinnern.

Die Diagnose

Mein Name ist Max Müller. Ich bin 56, Vater von drei erwachsenen Kindern, geschieden und Inhaber eines kleinen Sanitärgeschäftes im Norden der Schweiz. Nach Jahren der Therapien mit Cortison und Cellsept, stand die Diagnose für Matthias, 25, gelernter Koch und in der Zweitausbildung zum Sanitärinstallateur, fest: Seine beiden Nieren waren durch die Krankheit IGA soweit zerstört worden, dass nur eine Transplantation oder eine Dialyse in Frage kamen. Da ich Matthias die Zeit während seiner Krankheit begleitet hatte, ich war bei allen Arztbesuchen dabei, war die Diagnose zum Ende für mich nicht neu oder überraschend. Ich hatte genügend Zeit, mir Gedanken darüber zu machen, wie ich mit dieser Situation umgehen wollte. Wobei: Gedanken machen musste ich mir nie, keinen Moment! Vom ersten Tag an, als das Wort Transplantation fiel, war mir klar, dass ich spenden wollte.

Die Abklärungen

Februar 2014: Es begann eine lange, etwa 6-monatige Zeit der vielen Abklärungen. Zuerst wurde Matthias auf Herz und Nieren untersucht. Alle Befunde waren positiv, sodass von Seite des Empfängers keine Vorbehalte für eine Transplantation auftauchten. Nun begann die Zeit der Tests für mich, den Spender. Ich freute mich darauf. Endlich würde es losgehen! Da ich ein gesunder, sportlicher Mensch bin, war ich gutgelaunt und frohen Mutes. Schon der erste Kontakt im Unispital in Zürich war von einer erfrischend unkomplizierten Stimmung geprägt, welche sich durch die ganze Spitalzeit hindurch zog. Herzlichen Dank an dieser Stelle an Regula Rigort und Natascha Böhmer von der Lebendspenden- Koordination für ihre zuverlässige, sympathische Arbeit!

Es gingen die Monate Juli und August in die Lande und nach total 6 Besuchen hatte ich die Bestätigung des leitenden Arztes. Ich war zur Spende zugelassen. Riesenfreude, Erleichterung, und immer wieder Freude, Freude, Freude! SMS am Matthias und an die Familie: „Juhui, es klappt!“

Und dann der Frust!!! Nach zwei Tagen kommt ein Anruf aus Zürich. Die genaueren Betrachtungen meines Blutbildes haben eine Unregelmässigkeit aufgezeigt. Es braucht noch eine Knochenmarkbiopsie. Freude plattgehämmert, zum ersten mal kommt so etwas wie Angst auf: „Kann ich am Ende doch nicht spenden?“ „Max, positiv denken, negative Gedanken verdrängen. Es wird schon gut gehen?“ Und doch schleicht sich ein Unbehagen bei mir ein. „Und was, wenn es doch nicht klappt?“ Kommt Matthias dann auf die Warteliste, muss er vielleicht drei Jahre warten, bis er eine Niere erhält? Was wird mit seiner Weiterbildung, mit seiner beruflichen Zukunft? „Puhh! Bitte, bitte, lass es nicht so kurz vor dem Ende scheitern!“

Die Biopsie verlief problemlos, dann begann das Warten auf den Bescheid. Endlich der Termin in Zürich zur Mitteilung des Befundes. Ich bin ruhig und doch angespannt, als ich mit Frau Rigort den Gang entlang zum Besprechungszimmer laufe. Im Zimmer sitzen drei Ärzte zusammen mit Frau Rigort und mit Frau Böhmer. „So ein Aufwand zu betreiben für eine Absage, das macht keinen Sinn!“ geht es mir durch den Kopf. Ich frohlocke innerlich, bleibe aber gefasst, bis der Entscheid dann endgültig feststeht! Ich kann spenden! Ich bin überglücklich, aber auch müde. Die Anspannung fällt ab. Gleichzeitig drehen sich die Gedanken schon um den Spitalaufenthalt und um die Organisation der Arbeit im eigenen Betrieb während dieser Zeit.

Die Operation Teil 1

Dienstag 26. August. Endlich ist es geschafft. Die Abwesenheit ist organisiert, der Spitalaufenthalt geplant, die Fütterung der Zierfische und das Giessen der Blumen zu Hause sind gelöst. Es kann losgehen. Mit Barbara, meiner ehemaligen Frau und Mutter von Matthias, treffe ich mich am Bahnhof Schaffhausen. Sie begleitet mich nach Zürich. Eine schöne Geste von ihr.

Matthias ist bereits seit einigen Tagen im Unispital. Sein Zustand hatte sich so verschlechtert, dass er doch noch an die Dialyse musste vor der Operation. Dies, damit sein Allgemeinzustand besser wurde und die Voraussetzungen für den Eingriff optimaler waren. Gemeinsames Essen mit Matthias in der Uniklinik, dann Zimmerbezug, Routineuntersuchungen der operierenden Ärzte. Ich warte auf das definitive OK, bevor ich meinen engsten Verwandten die genaue Operationszeit mitteilen werde.

Dann kommt ein Nein! Hilfe! Mein Blut weist zu hohe Entzündungswerte auf! Eine Operation ist zu riskant. Der Eingriff kann nicht stattfinden! Irgendeine gemeine kleine Erkältung muss in mir sein? Grosse Leere, Enttäuschung, Traurigkeit! Es ist 20’30 Uhr. Einsam und alleine sitze ich im Eingang des Spitals, schreibe SMS an alle, die uns im Moment noch den Daumen drücken und teile ihnen die Absage der Operation mit. Was für eine miese Stimmung breitet sich bei mir aus. Ich habe auch ein schlechtes Gewissen und eine Art Schuldgefühl. Allen Ärzten muss abgesagt werden. Die reservierten Operationssäle sind morgen leer? Und alles nur wegen mir?

Die Operation Teil 2

Mittwoch 10. September. Matthias und ich rücken nun gemeinsam nach Zürich ein. Es ist ein herrlicher Tag! Wir sind gutgelaunt. Ich fühle mich fit, habe mein Blut gestern vom Hausarzt noch messen lassen. „Null Komma Null Entzündungswerte“! Dieses mal sollte es klappen. Zimmerbezug. Toll, wir sind zusammen im Zweierzimmer! Einrichten, Abendessen, letzter Jass und dann „Gute Nacht Matthias. Schlaf gut und toi toi toi für morgen“!

Tagwache ist um sechs nach einer Nacht mit einem guten, tiefen Schlaf. Duschen, umziehen und warten. Ich freue mich! Dann werde ich aus dem Zimmer gerollt. Es geht los. Um 8 Uhr werde ich operiert und ca. 3 Stunden später wird meine linke Niere bei Matthias eingesetzt. Die Ärzte rufen nach der OP unsere Kontaktpersonen an und orientieren sie. Das war ein Dienst, den ich sehr geschätzt hatte!

Aufwachstation

Operationstag, Uhrzeit irgendwann nach dem Mittag? Ich liege im Bett, mein Bauch schmerzt, aber es ist gut auszuhalten. Der Arzt hat mich vor der OP darauf aufmerksam gemacht, dass ich etwa 2 Tage Schmerzen haben werde. Also was solls? Ich bekomme nichts von dem mit, was rundherum abläuft. Irgendwann kommt die Ärztin zu mir und sagt, die Operation sei gelungen. Matthias habe die Operation gut überstanden und die neue Niere laufe. Diesen Satz werde ich in meinem ganzen Leben nicht mehr vergessen.

Auch jetzt werden meine Augen wieder feucht, während ich diese Zeilen schreibe und mich daran erinnere! Es war nach der Geburt unserer Kinder der schönste Moment in meinem Leben. Die Emotionen übermannten mich. Ich hätte einfach nur herausgeschluchzt, wenn die Narbe am Bauch es zugelassen hätte. Aber das war natürlich nicht möglich und so liess ich meine Tränen unterdrückt laufen, so gut es ging. Es waren Tränen der Freude und der riesigen Erleichterung! Es war ein unbeschreiblich schönes Gefühl. Ja, es hatte wirklich geklappt! Auch wenn ich nie daran gezweifelt hatte!

Die Zeit bis zur Entlassung aus dem Spital

Die Tage im Spital bis zur Entlassung vergingen schnell. Nach der OP beginnt man wieder bei null, freut sich an jedem kleinen Fortschritt: Das erste mal Wasser lösen können mit nur einer Niere, der erste Stuhlgang, das erste mal alleine laufen, das erste mal ohne Infusionen sein, das erste mal Treppen steigen, der erste Rundgang an der frischen Luft, das erste mal lachen können ohne Schmerzen. Und schon packt man seinen Koffer und nimmt Abschied vom Unispital! Zack, zack, zack, die Zeit verging wie im Fluge. Ein wenig Wehmut kommt auf, als ich am vierten Tag nach der OP dem Spital den Rücken kehre und den Weg zurück in den Alltag antrete.

Die ersten Wochen zu Hause

Da ich alleine wohne, konnte ich die ersten zwei Tage bei meiner Mutter einziehen. Das war eine willkommene Erleichterung. So musste ich mich weder um den Einkauf, noch um das Kochen oder um sonst eine Tätigkeit kümmern. Auf das Autofahren verzichtete ich in den ersten zwei Tagen noch. Am dritten Tag war es dann soweit. Ich kehrte zurück in die eigene Wohnung und in mein Bett, auf welches ich mich gefreut hatte.

Mit der Arbeit konnte ich bereits am Tag des Spitalaustritts stundenweise beginnen und das Pensum kontinuierlich steigern. Obwohl ich selbständig und mein eigener Chef bin, achtete ich darauf, mich nicht zu überanstrengen. Ich beendete die Arbeit jeweils, wenn die Kräfte mich verliessen oder es mir schwindlig wurde.

Nach etwa zwei Wochen konnte wieder ich mein gewohntes Pensum arbeiten und so etwa nach drei Wochen hatte ich das Gefühl, ich sei energiemässig wieder der alte. Auch das Tanzen, eine Leidenschaft von mir, ging nach drei Wochen wieder so gut wie vor der Operation. Mit dem Fitnesstraining wartete ich zu und versuchte mich nach einem Monat das erste mal. Die Übungen für die Bauchmuskulatur ging ich wegen der Narbe am Bauch vorsichtig und langsam an. Die restlichen Übungen konnte ich wie gewohnt durchführen. Nach einer weiteren Woche konnte ich auch die Bauchmuskeln ohne Einschränkungen wieder trainieren.

Heute, 10 Wochen nach der Operation

Heute, 10 Wochen nach der Operation, geht es mir besser als vorher. Ich fühle mich vital und glücklich. Matthias lebt ohne Komplikationen, spielt schon wieder Fussball und arbeitet 30% als Sanitärinstallateur. Er genest in riesigen Schritten!

Gedanken zum Schluss

Das Wissen, meinem Kind etwas von mir geschenkt zu haben, das ihm ein besseres Leben ermöglicht, macht mich stolz und sehr glücklich. Ich empfinde es als grosses Geschenk, dass es mir möglich war, Matthias eine Niere zu spenden. Ich würde die Transplantation jederzeit und ohne zu zögern wieder durchführen! Das schöne Gefühl, welches mir diese Lebendspende an unser Kind gegeben hat, wird mich mein Leben lang begleiten. Die Einschränkungen durch die Nierenspende habe ich als minimal und problemlos empfunden. Die Schmerzen waren kurz und unwesentlich. Der grösste Minuspunkt war für mich die Organisation meines Kleinbetriebes während des Spitalaufenthaltes, vor allem beim zweiten Mal. Aber diese Belastung ist vor einer Ferienabwesenheit auch nicht anders. Was zurück bleibt, ist die grosse Freude, zu sehen, wie das Kind wieder ein normales Leben führen kann. Wie die Müdigkeit und Niedergeschlagenheit bei Matthias der Lebensfreude und Vitalität gewichen sind. Was auch bleibt ist eine tiefe Verbundenheit zum Sohn, welche mit nichts zu ersetzen ist und die uns niemand mehr wegnehmen kann. Ich kann jedem gesunden Menschen nur empfehlen, die Lebendspende zu wagen. Sie gibt einem so viel zurück und sie macht glücklich! Was will man mehr im Leben?

Kontakt

Für Fragen oder Gespräche stehe ich gerne zur Verfügung:

Max Müller (E-Mail: m-a-x@bluewin.ch)